Screenshot des 'Beginner Generative' Setups auf Modular Grid

Freund*innen von mir betreiben einen kleinen Laden für modulare Synthesizer (unbezahlte [aber] Werbung), hier in Köln. Und es kommt immer wieder vor, dass Personen in den Laden kommen, die interessiert sind, in das Thema einzusteigen und die Frage stellen, wie sie das am besten machen können. Die Frage ist wirklich schwer zu beantworten, weil modulare Synthesizer einfach so vielseitig sind und es total davon abhängt, was Du damit machen möchtest. Außerdem sind sie nicht ganz Preisgünstig, da ist es für die meisten nicht möglich mal eben voll zuzugreifen.
Wir haben jedenfalls darüber gesprochen, was man diesen Menschen wohl empfehlen könnte und das Thema hat mich danach nicht so recht losgelassen. Nach ein paar Tagen habe ich den Discord des Ladens mit meinen Gedanken vollgespamt. Um das ganze ein bisschen zu sortieren und vielleicht auch noch ein paar mehr Leuten bei diesen Überlegungen zu helfen, schreibe ich es nochmal hier auf.

Grundlegendes vorab

Üblicherweise haben Menschen, die sich für modulare Synthesizer interessieren, schon vorher Erfahrungen mit Elektronischen Instrumenten (im Computer oder zum anfassen) gesammelt. Ich halte diesen Text deshalb zwar einfach, erkläre aber nicht jedes Wort. Solltest Du Fragen haben, kannst Du mich gerne einfach kontaktieren.

Was ich hier vorschlage ist geeignet für Musik, die auf das Prinzip Wiederholung setzt. Das wäre zum Beispiel Techno-artige Musik im weitesten Sinne, funktioniert aber bestimmt auch für weitere Genres.

Looper

Ein Looper, also Geräte oder Software, die ein Stück Audio aufzwichnen und in Dauerschleife wiedergeben können (plus mehr natürlich), sorgt dafür, dass Du ansonsten nicht so wahnsinnig viel brauchst.
Die Idee ist, dass Du mit einem Looper nur eine einzige, einigermaßen vielseitige, Voice (Synthesizer-Stimme) benötigst und diese dann layern kannst. Erstmal eine Bass Line in einen Loop werfen, dann eine Lead Voice usw.… Du verstehst.

Es gibt einen ganzen Haufen an Geräten, die Dir das ermöglichen.

Natürlich gibt es noch viel mehr, guck Dich ruhig mal um.

Features

Das Setup sollte ein paar Dinge auf jeden Fall können, damit Du richtig viel Spaß haben kannst.

Hier kommt irgendwie keine Modulation vor, merkste, ne? Das schöne ist, dass Du in einen Looper total gut rein spielen kannst, während Du selber gerade am Knöpfchen drehst. Das wiederholt der dann ja immer schön für Dich.
Drums habe ich auch außen vor gelassen. Die können zum Beispiel aus Deinem Looper kommen. Alle drei Vorschläge oben können das mehr oder weniger gut. Möglicherweise hast Du ja sogar schon irgendeine Drum-Machine. Dann nutz die einfach. Mache ich übrigens auch so.
Falls Du aber auf jeden Fall Drums im Rack haben willst, empfehle ich Dir 1-2 Prok Drums, die sind super vielseitig und einfach zu bedienen. Oder aber den Tiptop Audio ONE Sample Player. Auch hier ist der Looper Dein bester Freund.

Außerdem benötigst Du natürlich irgendeine Art von Gehäuse und eine Stromversorgung. Auf beides gehe ich hier nicht näher ein. Nur so viel: Ein Gehäuse kannst Du Dir im Zweifel für Den Anfang aus etwas Pappkarton und Klebeband bauen. Und so lange Du noch nicht super viele Module hast, kommst Du mit einem simplen Power Supply Modul wie z.B. dem μZeus von Tiptop Audio ganz schön weit. Weil viele Leute die für den Anfang nutzen, gibt es die oft günstig irgendwo gebraucht.

Zu günstig fällt mir noch ein, dass Du mit DIY Kits oft noch ganz gut Geld sparen kannst. Allerdings musst Du dann natürlich bereit sein, einen Lötkolben zu schwingen.

Klein, simpel und sehr flexibel

Screenshot des 'Beginner Small' Setups auf Modular Grid

Dieses Setup auf ModularGrid

Fangen wir super simpel und ganz klein an. Hier bin ich mal von einem Intellijel Case mit 1U-Reihe ausgegangen, das MIDI und Audio-Anschlüsse hat. In erster Linie, der Vollständigkeit halber.

Bisschen Kontrollverlust

Screenshot des 'Beginner Generative' Setups auf Modular Grid

Dieses Setup auf ModularGrid

Dieses Setup ist am meisten nach meinem Geschmack und es beinhaltet tatsächlich auch eine ganze Menge Module, die ich in meinem eigenen Rack derzeit benutze (Gut, das gilt auch für den letzten Vorschlag, aber hier sind es mehr). Mit diesem Rack bist Du weniger damit beschäftigt, Melodien, Rhythmen usw. zu “programmieren”. Du generierst sie viel mehr. Die Kreativität fließt hier eher in die Grenzen, die Du dem Zufall setzen möchtest und welche Patterns, Töne und so, Du auswählst oder verwirfst. Es ist sehr “perfomable”, finde ich. Du hast aber auch nie die 100%ige Kontrolle.
Dieses Setup beinhaltet außerdem ein paar Module, die Du als DIY Kit bekommen kannst. Außerdem kannst Du das in so gut wie jedes herkömmlich Case bauen. Keine 1U Reihe oder spezielle Intellijel-Anschlüsse, oder so.

Nur drei Module

Screenshot des 'Beginner Moog' Setups auf Modular Grid

Dieses Setup auf ModularGrid

Der dritte Vorschlag besteht aus nur drei “Modulen”, ist aber trotzdem preislich nicht ganz unten angesiedelt, auch wenn ich behaupten würde, dass Du viel für Dein Geld bekommst. Außerdem noch eine Anmerkung: Ich besitze selbst kein Modul aus dem Setup, finde sie aber ziemlich cool.
Ob das jetzt wirklich meine Empfehlung ist, wenn Du komplett neu einsteigst, weiß ich gar nicht so recht. Modular ist halt schön, weil es modular ist und hier wird schon sehr viel zusammengepackt. Falls Du aber bereits einen Moog Mother Synth als Einzelgerät haben solltest, könnte das ein guter nächster Schritt sein.

Zum Schluss

Was für ein Ritt.
Vielleicht noch abschließend ein paar Worte zu den Vorschlägen: Wie ich schon schrieb, das schöne an modularen Systemen ist, dass sie modular sind. Dir gefällt der erste Vorschlag, aber Du willst für deine Effekte dieses geile Mimeophon? Mach halt. Das ist sicher super cool.
Das gilt an ganz vielen stellen. Du kannst Dinge kombinieren, wie es Dir Spaß macht. Ich habe die drei Setups so zusammengestellt, wie es mir gerade in dem Moment schlau vorkam, aber am Ende bist Du vollkommen frei. Teilweise habe ich auch nur verschiedene Module für den gleichen Zweck ausgepackt, um zu zeigen, dass es unterschiedliche Geschmacksrichtungen gibt.

Zeig mir Doch vielleicht mal Dein neues Setup. Du erreichst mich zum Beispiel per Mastodon, Instagram oder im Discord von Mülheim Modular

16 October 2022

The rear of an Intellijel case with cables plugged into the audio out jacks. Mounted in the case is a Befaco HEXMIX (HEXPANDER) and hair of my cats.

I got a new case for my Eurorack synthesiser. One of those fancy Intellijel Performance ones, with audio In and Out jacks on the rear panel. I like the idea of having at least those cables out of my way very much. Of course, like maybe every Non-Intellijel mixer, my Befaco HEXMIX has no connector for this. But blessed are they who do have a soldering iron and are not afraid to use it on their precious gear.

It is not very difficult to make your own connection cable and attach it to your mixer. I will describe in this text how I did it with my HEXMIX respectively HEXPANDER, but this should be possible with most other Eurorack mixers. Keep in mind that Eurorack audio is very loud (around 5-10Vp) compared to line level audio. The output Jacks of your case will not magically convert your loud Eurorack signal into a moderate line level signal. You could fry your connected gear!

What you need:

One more thing: The HEXPANDER’s Master Out and the Audio Jacks on the rear of the Intellijel cases are balanced. What I’m explaining here breaks this. You will get an unbalanced signal out of your case’s jacks. It would be possible to do this balanced, but I was lazy and I don’t need it (at the moment). If you need it balanced, because you have to use long cables, you can still use the HEXPANDER’s Master Out. Maybe I will update this How To in the future.

Okay, let’s do this

On the HEXMIX you have two ways to go. The first would be to use the Master out of the HEXMIX module. If you want to use those, configure the switches “S200” on the back of your HEXMIX to line level (remember, don’t fry you gear!).
The other way would be to use the Master Out of the HEXPANDER module which already is line level. I chose the latter.

On the other side we have Intellijel’s Audio Jacks Board. In my case the 2nd generation (take a look to determine). The output signals go through the right 6-pin plug (“Pfostenstecker” in German). The easiest way to measure which pin is for what is by plugging in a cable in one of the audio jacks and measure with a multimeter from tip and sleeve of the cable to the different pins. Then do it again for the other jack (yep guessing would also be easy at this point, smart ass).
You don’t have to do it, if you have a 2nd generation Audio Jacks Board. I already did it for you.

Intellijel Audio Jacks Board 2nd generation. Pins marked.

Put the Pfostenbuchse (plug) on one end of the cable. Split the other end of the cable and cut away the unused wires. Holding the wire like I do on the photo, the right wire of any pair is used (blue, grey, black). If you want to make sure, use your multimeter.

The prepared ribbon cable with labels attached to the loose ends to determine ground, left and right tip

On your mixer, finde the pins of the output jacks and determine which one is for what. If you are also using a Befaco HEXPANDER and it looks like mine (there are variations) you can use my accurate and good looking markings (GND = ground/sleeve, LT = left tip, RT = right tip).
If it looks different or you are not using a HEXPANDER, measure like described above. Plug a cable in the jacks. Measure from tip and sleeve to the pins until you know. The sleeves are ground. All ground is connected. This is why there is only one ground wire for the sleeve pins of the left and the right jack in our ribbon cable.

The back of the HEXPANDER with notes at the pins for GND, LT and RT.

Solder the separated wires of the ribbon cable to the identified pins and plug the other end of the cable into the Pfostenstecker (plug) of the Audio Jacks Board in your case.

The back of the HEXPANDER with the ribbon cable soldered on.

If you managed to not break your stuff (Which would absolute be not my fault!), you might be happy now. I was. I still am. Have fun and maybe show me a picture or something audible of your work. I would appreciate it very much. You can reach out to me via social media.

22 February 2022

Chord Organ module on a desk, cable atached.

Getting chords out of a modular synthesizer is not fun. At least not for me. Maybe it is for people with more skill or bigger systems or a stronger masochistic streak in them than I got. But for me, it’s close to impossible. I have a Plaits which can do chords, but I like and use it for other reasons.

What I really like and what gives me a warm feeling is the sound of (maybe a bit jazzy) chords consisting of a bunch of simple sign waves. Not a difficult thing to do on your favorite polysynth, but as I said, not fun on a modular. And when I saw the Chord Organ by Music Thing Modular do it in the easiest way ever, I wanted one.

About the Chord Organ?

The Chord Organ is an alternative firmware of another eurorack module by Music Thing Modular respectively Tom Whitwell, the Radio Music, kind of a sampling radio thingy. The heart of the module is a teensy microcontroller which can be freely programmed. So, the module can be seen as a more or less simple platform for all kinds of possible eurorack modules.

The Chord Organ plays chords. The root note of the chord is defined by a CV input and a knob. The same counts for the chord shapes. Up to 16 shapes can be defined in a configuration file (CHORDORG.TXT) and be selected via another CV input and knob. In addition, it is possible to configure some more features in this file, like glide, note stacking and some more. Fot the fans of microtonal music it is also possible to create a separate tunig file (TUNING.SCL), to have the Chord Organ tuned in an alternative way.
That is roughly it.

Show me what a CHORDORG.TXT looks like!

This is what a CHORDORG.TXT looks like!
…could…

!RANGE 39
!WAVES
!STACK
!GLIDE 80

1  [0,4,7,12,0] Major
2  [0,3,7,12,0] Minor
3  [0,4,7,11,0] Major 7th
4  [0,3,7,10,0] Minor 7th
5  [0,4,7,11,14] Major 9th
6  [0,3,7,10,14] Minor 9th
7  [0,5,7,12,0] Suspended 4th
8  [0,7,12,0,7] Power 5th
9  [0,5,12,0,5] Power 4th
10 [0,4,7,8,0] Major 6th
11 [0,3,7,8,0] Minor 6th
12 [0,3,6,0,3] Diminished
13 [0,4,8,0,4] Augmented
14 [0,0,0,0,0] Root
15 [-12,-12,0,0,0] Sub Octave
16 [-12,0,0,12,24] 2 up 1 down octaves

The modifications: Chord Organ Chamäleon

So, I got my kit from the UK (Did I ever mention what a pain in the ass this brexit clusterfuck is? I will never get over it…), built it and played around with it. It is great. I love it! <3

What seemed a bit unnecessary to me was whenever I wanted a different behavior of the module, I had to remove the SD card, go to my computer, make changes to the config file and then go back to my modular to re-insert the SD card and reload. So, I wanted to change this (and maybe because the feature creep is strong in me).

With my modified version of the Chord Organ firmware it is possible to have up to ten different config files on the SD card. They would be called: CHORDORG.TXT, CHORDORG1.TXT, CHORDORG2.TXTCHORDORG9.TXT Loading the next file is done by a long butten press (at least for one second). The number of blinks of the waveform LEDs indicate which file will be loaded.
The long button press was formerly reserved to toggle the stacked notes feature on and off. But since note-stacking is also configurable in the config file, this feature still exists, if wanted.

I also made the alternative tuning file configurable by using !TUNING <FILENAME>. A config file with an alternative tuning could look like this:

!WAVES
!STACK
!TUNING 08-EDO.scl

1  [0,4,7,12,0] Major
2  [0,3,7,12,0] Minor
…

This way, it is possible to cycle through different tunings, if you want to.
I for my part have no clue about alternative tunings, so sorry for the bleeding ears in my little demo.

You can find the Chamäleon fork of the firmware repository here.
The current Chord Organ Chamäleon hex file can be downloaded here
. This one can be loaded to your module via the Teensy Loader Application directly.

Many thanks to Tom Whitwell and Martin Wood-Mitrovski for this fantastic device!
Have fun with your chords.

15 August 2021

Row of 1U Eurorack modules including nupsi

A while ago I started to build a little Eurorack to extend my beloved Moog Grandmother. Most of my modules are DIY kits and I quickly noticed that building my Eurorack is at least as much fun as actually making music with it.

Some time ago, for a patch idea I wanted to do, I needed the possibility to add two voltages more or less precise. I was not happy with the stuff I had (Eurorack Disease). So, I took my breadboard. After some web search-assisted remembering of what I learned about electronics many years ago and an extremly professional circuit drawing, I had my first way too big nupsi prototype.
To fit it into the last 4HP of my 1U utility row, I designed PCBs. Then I noticed that it is not completely insignificant to think about orientation while designing interconnected PCBs. So, I designed PCBs again (which is surprisingly cheap!). This is how I created my first Eurorack module. Its not very complicated, innovative or crazy, but it’s cute and small.

So why am I telling you all of this? Because don’t be scared to try stuff out. It is fun to create something and I forgot how good it feels. Go for it.

What nupsi does

This is not too hard to describe. It simply adds two voltages, positive or negative. This could be control voltages (CV) like for instance adding a static offset from a voltage source to an 1 volt per octave CV signal. It is build of a TL072 OpAmp, so it’s fast enough to use nupsi as a simple audio mixer by just plugging in two audio signals.

But it’s main feature is it’s small format, because it fits exactly in this annoying 4HP gap in my 1U row for which no useful modules seem to exist. Coincidence? I think not!

Back side fo the nupsi module

Want one yourself?

If you want your own little nupsi, drop me a mail, currently I have some spare PCBs, which I can send you. The build is fairly easy. It is just a few parts, but some of them are SMD, so you should have soldered before. I would say, nupsi is a perfect first try SMD project. ;)

The front panel is made of a peace of plastic I had laying around and some paint. You would have to make your own.

nupsi is not openly listed, but via this link you can find it on ModularGrid.

26 May 2021

Beim 35C3 habe ich die Organisation der Chaospatinnen/Chaos Mentors von Fiona übernommen. Neben vieler anderer Dinge, die ich mit dieser Aufgabe zu erledigen hatte, sprach ich mit einigen Pressevertreter:innen und wurde dabei irgendwann auch mal gefragt, ob ich denn wohl fände, dass die Chaospatinnen etwas bringen.

Zwei Klick-Zähler-Dinger in einer Hand

Was genau machen die Chaospatinnen eigentlich?

Die Chaospatinnen versuchen Erstbesucher:innen des Chaos Communication Congress die Angst zu nehmen, die Veranstaltung zu besuchen und den Einstieg zu erleichtern. Sie bringen dazu auf Interessenbasis, erfahrene Teilnehmer:innen (Mentor:innen) mit Erstbesucher:innen (Mentees) zusammen. Diese Gruppen können dann gemeinsam die Veranstaltung erkunden, sich gegenseitig unterstützen und vielleicht sogar ein erstes kleines Netzwerk bilden, das sich dann in den großen Kongress einflechten kann. Außerdem bieten die Chaospatinnen mit ihrer Assembly einen Anlaufpunkt und eine mögliche Ruhezone.

Und, bringt das nun was?

Ich habe die Frage der Journalistin dann relativ verkürzt beantwortet. Sie hat mich danach jedoch noch weiter beschäftigt, denn ich finde sie gar nicht so leicht zu beantworten. Zunächst mal gilt es allerdins zu klären, was denn die Chaospatinnen überhaupt wollen und auch das ist schwierig. Sowohl im Orga-Team als auch unter den Mentor:innen sind die Motivationen sehr vielfältig.

Blicken wir nicht sonderlich weit und sagen, dass die Chaospatinnen ausschließlich darauf abzielen, Erstbesucher:innen die Einstieg leichter zu machen, ist es einfach. Wir haben in diesem Jahr rund 200 Mentees mit knapp 50 Mentor:innen in Gruppen zusammen gebracht. Sowohl Mentor:innen als auch Mentees haben mir viele Feedback gegeben und unter dem Strich, kann ich sagen, wir waren sehr erfolgreich.

Meine persönliche Motivation ist allerdings eine andere und ich weiß, dass dies viele bei den Chaospatinnen ganz ähnlich sehen.

Dem Chaos Communication Congress mangelt es an Diversität, insbesondere wenn ich die Gender-Brille aufsetze. Mit etwa 80% wird die Verteilung stark von cis Männern dominiert.* Das ist keine Neuigkeit und es wird immer wieder gerne darüber gesprochen. Gerne wird dann angeführt, dass es aber in den letzten Jahren einen starken Trend zum Ausgleich gäbe.
Nachdem ich diese Behauptung auf dem 31C3 im Gespräch mit einer Freundin auch wiederkäute, wies sie mich darauf hin, dass ich es da wahrscheinlich mit einer Fehlwahrnehmung zu tun hätte. Seither achte ich verstärkt darauf und muss ihr Recht geben.

Es ist mir wichtig, Diversität nicht nur auf den Gender-Anteil zu reduzieren. Die dominante Gruppe des C3 lässt sich sicherlich auch noch gut auf sozioökonomischen Status, Bildungsniveau, Migrationsgeschichte, Behinderungen usw. festklopfen. Doch ich kümmere mich hier um Gender, denn dies ist für mich noch am ehesten messbar, ohne Fragebögen zu verteilen, auch wenn es ziemlich witzig wäre, herauszufinden, wie wohl auf eine Solche Datenerhebung reagiert werden würde.

Okay, aber bringt es denn jetzt was oder nicht?

Die Chaospatinnen haben in diesem Jahr zum ersten mal eine formalisierte Registrierung über ein Webinterface angeboten. Dort war es unter Anderem auch möglich, anzugeben, welches Pronomen sich eine sich registrierende Person zuordnet. Für uns ist dieses Datum recht wertvoll, denn wir sind, abgesehen von den Interessen der teilnehmenden Personen auch sehr bemüht, Gruppen zu bilden, in denen sich alle Teilnehmer:innen sicher fühlen. Gender-Identifikation spielt hier aus unserer Sicht eine große Rolle.
Zum 35C3 wurde in den Registrierungen als Mentee 162 mal dieses Feld (mit einem sinnvollen Wert) ausgefüllt.

Auch unter den Mentees der Chaospatinnen bilden Personen, die sich selbst als “He” (oder auch “Herr” oder “Herr Dr.”) identifizieren, die größte Gruppe. Jedoch mit rund 54% weitaus weniger stark vertreten als in der Summe der Teilnehmer:innen des 35C3. Das Pronomen “She” wurde bei rund 40% der Registrierungen angegeben, weitere 6% gaben andere Pronomen wie “They” oder “X” an.
Im diesjährigen Blogpost zu den Chaospatinnen wurde gesteigerter Wert darauf gelegt, die Zielgruppe der Chaospatinnen außerhalb der stark repräsentierten Gruppe zu verorten. Deshalb haben diese Zahlen mich persönlich ein bisschen enttäuscht. Ich habe mir hier mehr erhofft und werde in Zukunft versuchen, noch klarer zu kommunizieren.

Trotzdem kann für den kleinen Bereich, den die Chaospatinnen abdecken, gesagt werden: Ja, die Chaospatinnen bringen was. Mit fast 50% nicht cis männlichen Mentees leisten wir einen Beitrag zu Steigerung der Diversität auf dem Chaos Communication Congress.
Das Lächeln verschwindet allerdings sofort wieder, sobald ich die 200 Mentees der Chaospatinnen neben eine Summe von fast 17.000 35C3-Teilnehmer:innen halte.

Ich bleibe aber trotzdem dabei und halte die Chaospatinnen weiterhin für sehr sinnvoll. Denn abgesehen von den absoluten Zahlen, haben die Chaospatinnen eine gewisse Signalwirkung. Die Chaospatinnen kommunizieren nach außen: Wir sind offen für Euch und Ihr seid willkommen.
Das Interesse der Medien an unserem Projekt hilft da natürlich ungemein. Zusammen mit den vielen anderen Projekten, die dafür sorgen wollen, dass sich auch Personen, die nicht Teil der überrepräsentierten Gruppe sind, willkommen fühlen können, können wir auf Dauer einen diverseren Chaos Communication Congress gestalten, wovon dann wieder alle, auch die cis Männer mit dem vollen Konto, aus bildungsbürgerlichen Familien, profitieren können.

*Woher kommen die Zahlen und wie belastbar sind sie?

Dieser Abschnitt ist wahrscheinlich in erster Linie für die neugierigen Leser:innen interessant.

Wie das immer so ist, wenn Leute Zahlen erheben, sind auch diese hier mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Insbesondere, dass sie darauf basieren, wie ich ganz subjektiv versuche, Gender von anderen Personen zu lesen. Natürlich liege ich da nicht immer richtig. Schlimmer noch, ich kann nicht sagen, wie oft ich wohl falsch liege, Fehlerbalken wären also auch nur geraten.
Desweiteren lässt sich jede einzelne Zählweise (dazu später mehr) kritisieren und die Tatsache, dass ich Werte miteinander vergleiche, die so gleich gar nicht sind. Der eine basiert darauf, wie ich eine Person lese, der nächste auch einer Angabe, die eine Person selbst über sich macht.

Es muss also im bewusst bleiben, dass es hier nicht um Nachkommastellen geht sondern eher um etwas gröbere Verhältnisse. Trotzdem wage ich die Behauptung, dass ich hier mit weitaus belastbareren Zahlen hantiere, als dieses Bauchgefühl, mit dem nach dem Congress gerne gesagt wird: “Wow, dieses Jahr waren aber viel mehr Frauen da!”

31-33C3

Auf dem 31C3 und den beiden folgenden habe ich mich jeweils einmal an eine Rolltreppe gestellt und jeweils bei ca. 200 Personen versucht sie in Männer oder Frauen einzuteilen (Ja ja, niemand ist super schlau auf die Welt gekommen!). Sample-Größe, Einteilung, alles nicht so optimal, aber später wird alles besser. Mein Aufzeichnungen sind hier ein bisschen schwach, deshalb hier ein bisschen schwach: Auf dem 31C3 lag der Anteil der Frauen nach meiner Zählung bei etwas über 18%. Auf dem 32C3 bei etwas über 15% und auf dem 33C3 hatte ich 17%.

Auf dem 34C3 wollte ich besser zählen, habe es dann aber leider völlig verpeilt.

35C3

Auf dem 35C3 Habe ich es etwas besser gemacht. Ich bin bei zwei Gruppen geblieben, denn ich habe solche mechanischen Klick-Zähl-Dinger verwendet und verfüge nur über zwei Hände. Dieses mal habe ich in Personen, die ich als cis Mann (Dude-Nerd) lese und alle Anderen unterteilt. Da dies am nächsten an das Verhältnis kommt, das mich tatsächlich interessiert.
Ich habe mich zu drei verschiedenen Zeitpunkten an drei verschiedene Durchgänge gesetzt und große Anzahlen von Personen durchgezählt.

Tag 2 (Junghacker-Tag) von 14:40 Uhr bis 15:40 Uhr, am Punk-Späti (schön war das!)
Dude-Nerds: 733 - 82,27%
Non-Dude-Nerds: 158 - 17,73%

Tag 3 von 17:15 Uhr bis 18:50 Uhr, im Zentrum von Halle 2, zwei der Durchgänge
Dude-Nerds: 743 - 78,54%
Non-Dude-Nerds: 203 - 21,45%

Tag 4 von 15:50 Uhr bis 17:25 Uhr, am vorderen Durchgang von Halle 3 zur Glaswurst
Dude-Nerds: 930 - 79,82%
Non-Dude-Nerds: 235 - 20,17%

02 January 2019